ISEC Banner


11 Thesen zur Präsidentschaftswahl in den USA
von Christoph Hartmann



Viel ist nach dem für einige überraschenden Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA geschrieben worden. Das meiste schwankte von seinem Tenor her zwischen Betroffenheit, Wut und Unsicherheit. Der folgende Artikel will dem nichts hinzufügen. Allerdings soll anhand von Thesen einige Beobachtungen und Analysen dargestellt werden.


Prof. Christoph Hartmann
ISEC Prof. Dr. Christoph Hartmann
  1. Wahlen werden immer schwerer zu prognostizieren
    Der Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA wurde von (fast) keinem Meinungsforschungsinstitut vorhergesehen.

    Damit lagen die Demoskopen genauso falsch wie beim BREXIT-Votum der Briten oder bei einer zunehmenden Zahl von Wahlen auf der ganzen Welt. Das liegt u.a. daran, dass die Wahlbeteiligung eine der großen Unbekannten ist und so u.U. Wähler an der Wahl teilnehmen, die jahrelang schon abstinent waren.

    Es liegt aber auch daran, dass die Befragten häufig gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zeigen. Wenn also der generelle Trend der veröffentlichten Meinung gegen Trump in den USA oder bspw. die AfD in Deutschland ist, dann geben sich Befragte am Telefon seltener als Unterstützer dieser ‚Underdogs‘ zu erkennen.
  1. Das Establishment war sich selten so einig und auf Seiten von Hillary Clinton
    Fast alle Medien in den USA, aber auch in der übrigen westlichen Welt waren genauso wie viele sog. Meinungsbildner für die ehemalige Außenministerin. Und so liest sich die Unterstützerliste für Clinton wie das Who is Who der amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft (bspw. „Washington Post editorial board endorses Clinton” 13.10.2016; New York Times editorial board: Hillary Clinton for President” 24.09.2016; Wirtschaftswissenschaftler wie Paul Krugman und Robert Solow; Unternehmensführer wie Richard Branson, Ted Turner, Michael Bloomberg, Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs, Warren Buffett, George Soros, Mark Parker CEO von Nike, Tim Cook CEO von Apple, Sheryl Sandberg, COO von Facebook; Steve Case, Gründer von AOL; die CEOs von Youtube; Yahoo, Twitter, Delta Airlines, Xerox; Filmemacher wie Steven Spielberg und Quentin Terentino, Michael Moore und viele mehr). Aber all diese Meinungsbildner konnten die Niederlage von Clinton nicht verhindern.
  2. Das Mailaffäre hat Clinton massiv geschadet
    Immer wieder kamen, insbesondere durch Wikileaks, neue Details ans Tageslicht. Auch das FBI spielte aus Sicht Clintons keine glückliche Rolle. Zuerst die Öffentlichkeit zu informieren, um dann 2 (!) Tage vor der Wahl Entwarnung zu geben, war ein kommuni-katives Desaster. Die Absolution kam kommunikationsstrategisch aus mindestens zwei Gründen zu spät: erstens hatten am Tag der Aussage von FBI-Direktor James Comey schon 40 Mio. Wähler ihre Stimme abgegeben. Zweitens stellten sich neutrale Beobachter die Frage, warum so eine Entlastung denn ausgerechnet zwei Tage vor der Wahl gekommen sei. Viele Wähler werden dies als weite-ren Beweis angesehen haben, dass Trump Recht hatte. Er bezeichnete Clinton („crooked Hillary“) als korrupt und unterstellte, dass Clinton und das FBI Absprachen trafen.
  3. Die Bilanz Obamas als Vertreter des Establishments ist innenpolitisch durchwachsen
    Den Ausgang der Wahl kann nur verstehen, wer eine Regierungsbilanz von 8 Jahren Obama zieht. Als der 44. Präsident der USA am 20.01.2009 ins Amt kam, war die Finanz- und Wirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt. Diese ist zwar heute überwunden, das Wirt-schaftswachstum der letzten Jahre war relativ stabil, die Arbeitslosigkeit beträgt nun knapp unter 5 %, verglichen mit 5,8 % 2008 und 9,3% 2009. Das Durchschnittsnettoeinkommen stieg nach Zahlen der Weltbank von 39.217,5 $ in 2009 auf 46.850,7 in 2014. Die Umwälzungen innerhalb der Wirtschaft (bspw. durch die darbende Automobilindustrie vs. wachsendes Silicon Valley) schaffen allerdings weiter Abstiegsangst.

    Auf der Habenseite kann Obama sicher seine Krankenversicherung verbuchen: 10 Mio. Amerikaner erhalten nun wenigstens eine grundlegende Krankenversorgung durch Obamacare. Umgekehrt blieben seine Bemühungen um schärfere Klimavorgaben häufig stecken, das Vorhaben, ein strengeres Waffengesetz zu erlassen, scheiterte und Guantanamo ist entgegen Obamas Versprechungen nicht geschlossen.
  4. In vielen Ländern der westlichen Hemisphäre - in den USA wie auch in Europa - grassiert Angst
    Diese Angst ist eine Abstiegsangst. Und diese ist nicht die Angst der Unterschichten. Es ist die Angst der Mitte. Abstieg durch Zuwanderung und Überfremdung, Abstieg durch Arbeitslosigkeit, Abstieg durch wirtschaftliche Krisen aufgrund von Terror, manch-mal auch Angst vor steigenden Mieten und sinkenden Renten. Diese Angst ist zwar keine amerikanische Erfindung – ganz im Ge-genteil. Sie grassiert auch in Europa. Selten war sie so präsent und so wahlentscheidend wie im Moment. Aber in den USA als dem wichtigsten westlichen Staat, einem Land von Optimisten und dem politischen Gen, das jeder aufsteigen kann, wenn er nur fleißig genug ist, ist diese Diagnose eine besonders bemerkenswerte.
  5. Der Wahlkampf war eine Schlammschlacht
    Beide Kandidaten haben sich dieses selbst zuzuschreiben. Clinton bezeichnete die Unterstützer von Trump als Rassisten und Sexisten, Trump wünschte Clinton ins Gefängnis. Und selbst nach der Wahl – auch wenn beide Kandidaten nun versöhnliche Töne anschlagen – geht die Auseinandersetzung bei Demonstrationen gegen Trump weiter. Diese Auseinandersetzung hat Wunden geschlagen, di e Zeit und Einsatz brauchen, um zu verheilen.
  6. Die Spaltung der echten oder vermeintlichen Eliten aus Wirtschaft, Politik und Medien und der vom Abstieg bedrohten oder sich (nur) bedroht fühlenden Mittelklasse ist tiefer, als viele meinen.
    Und die Eliten tun aktuell wenig, um diese Spaltung zu beenden.

    Der Wahlkampf war für viele kluge Beobachter eine Momentaufnahme der aktuellen Stimmung in den USA, die Berthold Kohler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „zerrissen, gespalten, hasserfüllt, vergiftet“ beschrieb.

    Die Eliten haben sich von der Basis entfremdet. Heike Buchter beschriebt dies in der Zeit vom 09.11. folgendermaßen: „Es sagt viel über die selbst erklärte politische Elite aus, dass die Wähler sich von einem Milliardär aus New York besser verstanden fühlten, als von einer Berufspolitikerin und Selfmadefrau aus dem Kleinbürgertum.“

    Auch nach der Wahl analysiert das Establishment nicht, warum die Angst so greifbar ist und wie die Wahl einer aus ihrer Sicht unqualifizierten Persönlichkeit (z. B. Barrack Obama am 02.11.2016; „30 former Republican lawmakers denounce Donald Trump: “Manifestly unqualified to be president” “ in: https://www.yahoo.com/news/30-more-republicans-denounce-donald-trump-unqua-lified-president-163035646.html) in Zukunft vermieden werden kann. Stattdessen liegt die Reaktion vieler zwischen Unverständnis und Entsetzen. Die Wahl Trumps wird eher in einen Betriebsunfall umgedeutet. Entgangen ist dem Establishment, dass sich mittlerweile ein Betriebsunfall an den anderen reiht.
  7. So lange das Establishment die Ängste der Menschen nicht ernst nimmt und sich glaubwürdig ihrer annimmt, werden Populisten weiter zulegen
    Die Angst, ob berechtigt oder unberechtigt, hat die Mitte der Gesellschaft in vielen Ländern erreicht. Die sog. populistischen Par-teien haben sich dieser Sorgen angenommen und feiern entsprechend Wahlerfolge (Erfolge der PiS in Polen, Front National in Frank-reich, AfD in Deutschland, UK Independence Party in GB, Trump in den USA). Die sog. etablierten Parteien tun sich schwer, glaub-würdig die Sorgen der vieler Menschen ernst zu nehmen. Häufig wurden Sorgen negiert oder einfach ignoriert. So gab es in Deutschland lange Zeit keine Partei, die außer der AfD die Angst der Menschen vor Zuwanderung artikulierte und den Menschen so das Gefühl gab, sie ernst zu nehmen.

    Auch in den USA tat das Establishment das nicht. Trump agierte diametral anders. Dushan Wegner schreibt über Trumps Wahlkampf: „Seinen Stamm zu beschützen ist die erste Aufgabe eines Häuptlings. »Ich werde dich beschützen« ist ein hervorragender Talking Point“ (von Donald Trump, d.A.). Die Wähler, die sich in Gefahr sahen, waren daher auf der Suche nach einem Häuptling, der sie beschützt. Und wenn sie diesen Häuptling nicht bei den etablierten Parteien finden, werden sie ihn woanders suchen…
  8. Die außenpolitische Bilanz der Obama-Regierung ist katastrophal
    Außenpolitisch konnte der amtierende Präsident nur wenige Erfolge erringen: die Annäherung an Kuba gehört sicherlich dazu, genauso wie die Tötung von Osama bin Laden und einiger weiterer Al-Quaida-Führer. Die Liste seiner außenpolitischen Misserfolge ist allerdings lang und wiegt schwer: Afghanistan - Rückzug ins Stocken geraten, Syrien – durch Zögern und Vakuum provozierte humanitäre und geostrategische Katastrophe, in Libyen ebenfalls gescheitert; Erstarken des Iran als neues (radikales) Machtzen-trum im Nahen Osten…. Die Liste ließe sich verlängern. Die Obama-Doktrin ist kurz zusammengefasst: außenpolitische Nicht-Einmi-schung. Dies führte aus Sicht der sunnitisch-arabischen dazu, dass der schiitische Irak Oberwasser erhielt. Bahrein und andere seh-nen daher das Ende Obamas herbei und hoffen darauf, dass Trump dem Iran wieder Einhalt gebieten kann.

    Schließlich hat Obama außenpolitisch auch an einer anderen Stelle versagt, die für Mitteleuropäer nicht nur geografisch viel näher liegt: in der Türkei. Wenn eine Macht auf der Welt die weitere Radikalisierung der Türkei verhindern könnte, dann ist das nicht eine europäische Union, die sich durch den Flüchtlingsdeal in die Abhängigkeit des türkischen Diktators begeben hat, sondern nur die militärische, wirtschaftliche, demokratische Führungsmacht der westlichen Welt: die USA. Aber Einmischen ist eben nicht Obamas Politik. Und so überlässt er die Entwicklung im Nahen Osten sich selbst, mit Folgen, die gerade in Mitteleuropa jeden Tag zu spüren sind.
  9. Was von Trump zu erwarten ist, ist schwierig vorherzusagen
    Viele Prophezeiungen sind gemacht worden, viel ist spekuliert worden, ob Trump eher ein politischer „Horrorclown“ (Josef Joffe in der Zeit) ohne Substanz oder sogar ein Sicherheitsrisiko(N.Y. Times am 08.08.2016: „50 G.O.P. Officials Warn Donald Trump Would Put Nation’s Security ‘at Risk’“) darstellt oder ob er eine Art Ronald Reagan wird (wie es der Telegraph oder politico.eu spekulieren). Dies kann seriös nicht prognostiziert werden. Einige Hinweise über sein zukünftiges Tun scheinen belastbar. Trump wird sich in erster Linie den innenpolitischen Themen zuwenden. Er wird dabei die Wirtschaftspolitik und die Schaffung Arbeitsplätzen in den Fokus nehmen. Die Infrastruktur wird gestärkt werden. Dazu wird er aller Voraussicht nach die Druckerpresse anwerfen. Dass er mit Schulden kein Problem hat, hat er häufig genug bewiesen. Der Dollar wird an Wert verlieren, das Außenhandelsdefizit der USA klei-ner, für die Exportnation Deutschland wird der amerikanische Markt schwieriger.

    Insgesamt war sein Auftritt als elected President für viele Beobachter überraschend staatstragend und ganz anders als im Wahlkampf. Daraus Rückschlüsse zu ziehen, ist sicherlich zu früh.
  10. Europa und die Welt brauchen ein starkes Amerika und einen starken Präsidenten
    Der Wahlkampf in einer der ältesten Demokratien der Welt ist Geschichte, das Land ist zerrissen wie selten zuvor. Und selbst für Nicht-Nostalgiker: die USA sind unbestreitbar die wichtigste Nation, die unsere mitteleuropäischen Werte verkörpert (Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, freie Religionsausübung und vieles mehr).

    Viele werden sich insgeheim oder offen freuen ob des Zustandes der USA. Wenn aber am Ende einer Schlammschlacht an der Spit-ze der wichtigsten Nation der Welt in Zeiten, in denen Führung und Einmischung, in dem ein Kampf für Werte mehr denn je gefor-dert ist, ein schwacher Präsident stünde, in einem Land, das mit sich selbst beschäftigt ist, dann wäre zu befürchten, dass das außenpolitische und moralische Scheiterns Obamas und der USA sich weiter verlängert. Oder um es Berthold Kohler zu sagen: „Die Welt gerät derzeit an zu vielen Stellen aus den Fugen, als dass es uns auch nur egal sein könnte, …“ … „Die Freiheit, der Rechtsstaat und die Demokratie mit ihren essentiellen Regeln, den kodifizierten wie den ungeschriebenen, sind keine unverwüstlichen Gottes-geschenke. Sie mussten unter großen Opfern erkämpft werden, … . Es wäre eine Katastrophe ..., wenn … Bürger vergessen hätten, dass diese Errungenschaften immerfort respektiert, gepflegt und verteidigt werden müssen, wenn man sie nicht wieder verlieren will.“

    In diesem Sinne wäre es ein Fortschritt für Europa und die Welt, wenn Trump ein starker und ein erfolgreicher Präsident würde, der diese Werte innerhalb und außerhalb der USA verteidigen würde. Ob dies so geschehen wird, bleibt abzuwarten.




Save the date

University meets Business
Konferenzreihe der ISEC University und der Chambre de Commerce
Donnerstag, den 24. November 2016, 18:30 Uhr, Chambre de Commerce

Human- und Innovationskapital in Luxemburg – Versuch einer Annäherung und Bewertung

Zwei Aspekte kennzeichnen zunehmend das heutige Wirtschaftsleben in Luxemburg und der Großregion: die Bedeutung immaterieller Wirtschaftsgüter als Treiber des strukturellen Wandels und die Heterogenität des Humankapitals eines durch Internationalität und Austausch geprägten kleinen Landes.

Die Innovationskraft hängt dabei direkt davon ab, inwieweit es gelingt, wertvolles Human- und Innovationskapital als Talente und Fähigkeiten, Ideen und Einfälle von Menschen zu detektieren und zu binden.

Luxemburger Studierende haben sich gemeinsam mit ihren Dozenten Heiko Hansjosten und André Reuter auf den Weg gemacht, Methoden der Systematisierung von Human- und Innovationskapital zu entwickeln. Entstanden ist dabei unter anderem ein Softwaretool zur Ermittlung von Persönlichkeitsprofilen mit einem Schwerpunkt auf Management- und Kulturfähigkeiten. Im Rahmen der Veranstaltung University meets Business geben Lehrende und Studierende Einblicke in ihre Projektarbeiten. Nach den Kurzvorträgen finden eine Diskussionsrunde mit den Beteiligten statt.

Im Anschluss an die Konferenz findet unser traditionelles „Get-together“ statt, zu dem alle Gäste herzlich eingeladen sind.
Die Teilnahme an der Konferenz ist frei.




LinkedIn Logo Wollen Sie regelmäßig über die ISEC-HdW, ihre universitären ausbildungs- und berufsbegleitenden Bachelor- und Master-Studienprogramme sowie ihre Forschungsaktivitäten informiert werden? Dann beantragen Sie hier eine unverbindliche und kostenfreie Mitgliedschaft in der LinkedIn ISEC-Gruppe.



ISEC Hochschule der Wirtschaft
7, rue Alcide de Gasperi, L-2981 Luxemburg-Kirchberg - Tel. +352 423939 230, E-Mail: Studentensekretariat