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Zirkuläre Ausbildungsmigration macht aus der Not eine Tugend
Die aktuelle Migration schafft Probleme, sie löst keine




Franz Peter Lang, Luxemburg/Braunschweig

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Migranten aus dem nahen und mittleren Osten mehrheitlich nicht ausreichend ausgebildet sind, um die in unseren Volkswirtschaften bestehenden Fachkräftelücken zu schließen. Sie sind zudem durch ihre Herkunft aus einem fremden zum Teil vormodernen Kulturraum in ihrer Integrationsfähigkeit stärker eingeschränkt als frühere Migranten.

Integration in unsere Arbeitswelt ist nur begrenzt möglich
Selbst jene, die über eine Fachausbildung verfügen, sei es als Arbeiter, Handwerker, Krankenpfleger oder Ärzte, besitzen naturgemäß nur solche Kenntnisse, die in ihrem bisherigen Umfeld und seinem Entwicklungsstand nützlich waren. Sie bedürfen daher vor einem möglichen Einsatz einer erheblichen Zusatzausbildung; deren Erfolg keinesfalls garantiert ist. Anzunehmen, das Problem bestünde vornehmlich in nicht vorhandenen Sprachkenntnissen und diese ließen sich durch Sprachunterricht beheben, ist naiv. Es gibt weder eine ausreichende Zahl von Sprachlehrern, noch sind diese in den relevanten Feldern mit den notwendigen Fachkenntnissen für eine berufsfeldbezogene Ausbildung ausgestattet. Mit freiwilligen, didaktisch ungeschulten Laien lässt sich eine berufsbezogene Sprachkompetenz nicht herstellen.

Prof. Dr. Franz Peter Lang
Prof. Dr. Franz Peter Lang
ISEC-Prorektor Internationale Kooperationen
Erst nach Überwindung der Sprachhürde kann mit Anlern- und Einführungsakti-vitäten begonnen werden. Dabei tritt zusätzlich das Problem auf, dass selbst bei der kleinen Zahl qualifizierter Migranten die zu schließenden Qualifikationslücken ebenfalls nicht bekannt sind.

Es muss davon ausgegangen werden, dass die in den Heimatländern vermittelte Bildungsinhalte stark bis sehr stark von den in Europa geforderten Kompetenzen und Fachkenntnisse abweichen.

Darum ist zu erwarten, dass eine Eingliederung in die Arbeitswelt bestenfalls bei sehr einfachen Tätigkeiten (ungelernte Hilfsarbeiten) und bei sehr hochqualifizierten Tätigkeiten (akademisch, wissenschaftliche Arbeiten) gelingen kann. Einfache Tätigkeitsfelder dieser Art gibt es allerdings in unserer technisch komplexen Arbeitswelt kaum noch und sie wären zudem schlecht bezahlt.
Für die Immigranten mit einem hohen Bildungsniveau gibt es ebenfalls nicht in beliebiger Zahl Beschäftigungsmöglichkeiten, so dass diese nur auf einem Niveau unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation tätig werden können. Dies kann jedoch zu einem Verdrängungs-wettbewerb und Unzufriedenheit bei den Betroffenen selbst sowie bei den konkurrierenden inländischen Beschäftigten führen. Den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften mindern die aktuellen Migranten somit nicht.

Wiederaufbau und Modernisierung der Heimatländer erfordern die Rückkehr qualifizierter Remigranten
Willkommenseuphorie und Abschottungswahn verdecken nahezu vollkommen die Schäden, welche die Herkunftsländer durch den erheblichen Aderlass an vornehmlich jungen Menschen erfahren. Es muss bedacht werden, dass es sich um Menschen handelt, die bei dauerhaftem Verbleib ihren Heimatländern, das wäre z. B. im Falle Syrien gegeben, bei einem notwendigen Wiederaufbau fehlen würden und somit dort eine nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft verhindern würden. Was man im Rahmen der Entwicklungspolitik als schädlichen Brain Drain beklagt, kann man im Zusammenhang mit dem aktuellen Massenexodus der Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge nicht ignorieren.

Es ist darum klar, dass die große Mehrheit der Migranten im Interesse beider Seiten in ihre Heimatländer zurückkehren muss, nicht zuletzt auch, um eine endlose Krise in ihren Herkunftsländern zu vermeiden.

In diesem Zusammenhang sollten Konzepte und Angebote zur „zirkulären“, zeitlich befristeten Ausbildungsmigration geschaffen werden. Es geht dabei nicht nur um eine akademische Ausbildung, sondern um die Vermittlung von Kompetenzen umd Fähigkeiten, die dem Entwicklungsstand der Heimatländer angepasst sind und die den Wiederaufbau fördern können. Finanzielle Hilfen alleine bewirken wenig, denn wesentlich für den erfolgreichen Wiederaufbau ist die Qualifikation der einheimischen Menschen. Es wird hierdurch auch vermieden, dass nur teure, zeitweilig mitwirkende ausländische Helfer und Aufbaukräfte tätig sind und entstehende Einkommen den Inländern fehlen werden. Angepasste Ausbildungsinhalte und die Verpflichtung zur Ausbildung schaffen die notwendigen Voraussetzungen dafür, dass Migranten die Zeit ihres geschützten Aufenthaltes in Europa als historische Chance zur Qualifikation nutzen. Dies zu leisten könnte eine sinnvolle Aufgabe jener Unternehmen sein, die sich von der Mitwirkung beim Wiederaufbau gute Geschäfte versprechen.

Genau das ist der Stoff, aus dem „Wirtschaftswunder“ entstehen. Nur darin kann die Zielsetzung der Europäer liegen. Der Einstieg in die Strategie der zirkulären Ausbildungsmigration muss umgehend erfolgen, da nach einem längeren Aufenthalt, auch nach den Erfahrungen mit der Immigration seit den sechziger Jahren eine erzwungene Rückkehr inhuman und nicht durchsetzbar ist und eine freiwillige Rückkehr unwahrscheinlich erscheint.

Literatur
Docquier, Frédéric (2014), The brain drain from developing countries: The brain drain produces many more losers than winners in developing countries, in: IZA Discussion Paper 3
Im Reich der vergessenen Kinder, Welt am Sonntag Nr. 10, 6.3.2016, NRW S. 1
Hinte, Holger; Rolf, Rinne; Klaus F. Zimmermann (2015), Flüchtlinge in Deutschland: Realismus statt Illusionen, in: IZA Standpunkte Nr. 83






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