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Die Rückkehr der Inflation wäre kein Luxusproblem
Eine Replik auf die Einschätzung des IWF
von ISEC Prorektor Franz Peter Lang



Luxemburg, 18. Oktober 2016

Prof. Dr. Franz Peter Lang
Prof. Dr. Franz Peter Lang
Prorektor Internationale Kooperationen
an der ISEC Hochschule der Wirtschaft.

Nach Lehrtätigkeiten in China, an der Universität Mannheim und an der Universität des Saarlandes, nahm Lang 1989 einen Ruf an die Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig an. An der ISEC Hochschule der Wirtschaft zeichnet er daneben als Prorektor für universitäre Kooperatio-nen mit Hochschulen im In- und Ausland verantwortlich.

Moderate Inflationserwartungen - die Ruhe vor dem Sturm?
Aktuell sind die Märkte auf folgendes Szenario eingestellt: Die Weltwirtschaft wächst langsam, die Inflation ist kein Thema, die Zinsen bleiben extrem niedrig und so wird es für sehr lange Zeit weitergehen. Dies zeigen aktuell nicht nur die nach wie vor auf extrem niedrigem Niveau liegenden Zinsen z. B. für mittel bis langfristige Baukredite. Die aktuellen Inflationsprognosen legen nahe, dass die Notenbanken, insbesondere die amerikanische Fed, jedoch die Zinsen schneller anheben werden als erwartet. Dass dies geschieht ist klar, offen ist lediglich, wann und wie stark.

In 2015 stiegen die Verbraucherpreise in den USA um 0,1 Prozent, in 2017 sollen sie um 2,3 Prozent ansteigen. In Großbritannien lag die Inflationsrate 2015 bei 0,1 Pro-zent, für 2017 sind 2,5 Prozent zu erwarten. In der Eurozone soll die Inflationsrate nach diesen Prognosen von 0,0 auf 1,1 Prozent und in Deutschland von 0,4 auf 1,5 Prozent ansteigen. Für die Schwellenländer insgesamt wird dagegen ein leichter Rück-gang der Inflation vorhergesagt. Auch für China sieht der IWF die Verbraucherpreis-entwicklung nach 1,4 Prozent im vergangenen Jahr auf 2,3 Prozent im kommenden Jahr ansteigen (IWF 2016).

Es gibt somit Anzeichen dafür, dass die langanhaltende Phase extrem geringer Infla-tion tatsächlich zu Ende gehen könnte. Die Finanzmärkte sind bislang darauf einge-stellt, dass dies sehr langsam erfolgen wird und die Börsen gehen davon aus, dass die US-Zinsen noch im Sommer 2019 etwa nur bei einem Prozent liegen werden.

In seinem Economic Outlook prognostiziert der IWF, dass die Inflationsraten deutlich steigen werden. Es geht dabei allerdings um die Erwartung eines weiterhin moderaten Anstiegs auf niedrigem Niveau. Vor dem Hintergrund der Anstrengungen der Notenbanken, durch ihre Geldpolitik eine Deflation zu verhindern, könnte diese IWF-Prognose eine durchaus erfreuliche schrittweise Normalisierung anzeigen. Die sich abzeichnende Trendwende in der Zinsentwicklung muss jedoch keineswegs ohne Risiken für die Weltwirtschaft sein!

Vor dem Hintergrund der Ausnahmesituation in den vergangenen Jahren ergeben sich jedoch besondere Bedingungen, die zu unliebsamen Nebeneffekten führen können.

Die Situation kann durchaus eskalieren
Wenn die Inflationsraten aber stärker steigen als bislang erwartet, müsste auch die Fed rascher reagieren. Das wiederum dürfte die Finanzmärkte erschüttern, denn Anleihen von Staaten und Unternehmen sind derzeit extrem hoch bewertet. Dies ist eine Folge des expansiven Kurses der Notenbanken in den vergangenen Jahren. Staatsanleihen werfen häufig nur noch negative Renditen ab. Die Ver-schuldung der Weltwirtschaft hat, bedingt durch die Politik des billigen Geldes, Rekordhöhen erreicht, und sie steigt auch weiterhin an. Immobilienpreise und Börsenkurse befinden sich auf einem sehr hohen Niveau. In dieser Situation könnte auch ein vergleichsweise ge-ringer Anstieg der Leitzinsen starke Verwerfungen auslösen, denn ein Einbruch der Kurse von Staatsanleihen würde über Arbitrage-effekte auch andere Wertpapiere mitreißen und ein Rückgang der Immobilienpreise würde möglicherweise über Wegfall von Kredit-sicherungen eine neue Vertrauenskrise im Bankensektor hervorrufen. Dies würde nicht nur die Finanz- und Immobilienmärkte irritieren, sondern hätte auch verunsichernde Wirkungen auf Investoren und damit auf die gesamte Realsphäre der Volkswirtschaften, auf den Welthandel und die Beschäftigung.

Hinzu kommen weltpolitische Risiken, so ist der Protektionismus global im Anstieg begriffen, Importe werden zunehmend durch admi-nistrative Maßnahmen erschwert und die Netzwerke der globalen Wertschöpfungsketten werden gelockert. Der internationale Wettbe-werb geht zurück und die Preise der global gehandelten Güter steigen hierdurch an. Auch diese Entwicklung legt eine Renaissance höherer Inflationsraten über einen Inflationsimport nahe.

Eine Zuspitzung der internationalen Handelskonflikte ist nicht ausgeschlossen
Auch eine Zuspitzung der internationalen Handelskonflikte ist nicht ausgeschlossen. Dies klingt nicht zuletzt in den protektionistischen Forderungen gegen China und Mexiko im amerikanischen Wahlkampf an und prägt auch in Europa die populistisch argumentierenden Politiker. Der BREXIT und die sich nach ihm abzeichnenden Tendenzen zur Isolation in der nationalen Politik der früher auf Liberalismus verpflichteten britischen Konservativen zeigen, dass desintegrierende Politiken zunehmend hoffähig werden. Nicht nur nebenbei treibt die drastische Abwertung des Britischen Pfundes die britische Inflation an und verstärkt die brexitbedingten Krisensymptome zusätzlich.

Eskalierender Protektionismus und die Desintegration würden den bislang noch schwachen Inflationstrend deutlich beschleunigen. Ent-fällt die Illusion des dauerhaften Niedrigzinses, so würden entsprechend deutliche Zinssteigerungen eintreten und die Weltwirtschaft würde sich in einem komplett veränderten Zins- und Inflations- oder gar Währungsszenario wiederfinden, in dem freie Handelsbezie-hungen zunehmend problematisch würden und national orientierte Fiskalpolitiken die Weltwirtschaft zunehmend regional differenzieren und desintegrieren würden. Die Gefahr, dass sich ein inflationsinduzierter Teufelskreis dieser Art durch eine hektische Fiskalpolitik noch selbst verstärken würde, ist durchaus wahrscheinlich.

Angesichts der ohnehin bereits bestehenden globalen Mobilität der Menschen kein Szenario, das beruhigen könnte. Die Renaissance der Inflation wäre somit nur ein eher weniger bedeutender Teileffekt einer weltwirtschaftlichen Krise, auf die vielfältige Effekte einwirken; also keineswegs ein Luxusproblem.



Literatur
IWF (2016): World Economic Outlook October 2016, Subdued Demand Symptoms and Remedies, in: https://www.IMF.org/external/pubs/ft/weo/2016/02/pdf/text.pdf



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